Frank Schirrmacher kann es offensichtlich nicht lassen seine Algorithmophobie auf jedes noch so abwegige Thema anzuwenden.
Gleich am Anfang macht der den Unternehmenssprecher der Lufthansa und ehemaligen Journalisten Klaus Walther zu einem “Mann der Technik” und dichtet ihm zusammen mit dem Chef von Air Berlin Joachim Hunold einen
“Protest gegen das Flugverbot ein Meilenstein in der soeben erst beginnenden Technologiekritik des digitalen Zeitalters, ein Kapitel in der Geschichte der systematischen Selbstentmächtigung der modernen Gesellschaft durch Modelle.”
an.
Die Glaubwürdigkeit ihres angeblichen technologiekritischen Aufbegehrens soll durch die lapidare Bemerkung, “dass sie bisher nicht als Maschinenstürmer in Erscheinung getreten seien” bescheinigt, das Argument, dass Fluggesellschaften evtl. auch andere Interessen haben könnten schlicht mit dem Satz, dass “Walther bisher nie dadurch aufgefallen, dass er Sicherheit dem Profit opfern würde.” abgetan werden. Das die beiden größten deutschen Vogelhalter angesichts der größten aeronautischen Geflügelpest seit dem 2. Weltkrieg eventuell ihre bisherige Integrität fallen lassen könnten, ist natürlich absolut ausgeschlossen. Es hindert die ehrenwerten Helden der Technologiekritik auch nicht daran schon mal um Geld zu betteln.
Aber darum geht es ja eigentlich auch nicht. Was gebraucht wird sind lediglich ein paar unfreiwillige Schauspieler für die Wiederaufnahme des bekannten Stückes Payback: der Kampf gegen die bösen Algorithmen.
So wird aus einer Simulation der Verteilung der Aschewolke eine
“unsichtbare Wolke, die den Flugverkehr vollständig lahmlegt, nicht aus Asche und Staub besteht, sondern aus einem Schwarm von Daten. “
Ja unglaublich, sowas aber auch. Warum verlassen sich diese maschinengläubigen Piloten eigentlich schon seit Jahrzehnten auf Wetterprognosen? Gewitterwolken, Nebel, Winde … sind ja alles nur Daten. Und dann ist sie auch noch unsichtbar.
Es erinnert ein wenig an das Jahr 1986 an den Reaktorunfall von Tschernobyl. Auch damals gab es große Proteste gegen die im nächsten Jahr stattfindende Volkszählung. Auch damals gab es die Angst vor den bösen Computern und Algorithmen (wobei ich die Erhebung der Daten auch nicht wollte). Das hinderte aber niemanden, den Prognosen über die unsichtbare Wolke der damaligen Wetterfrösche glauben zu schenken, deren Prognosen sicher noch eine schlechtere technische Basis hatten, von den politischen Problemen (Daten aus dem Osten) mal ganz abgesehen.
Weiter geht es mit der Behauptung
“dass wir es einzig und allein mit einer Mathematik der Simulation zu tun haben, nicht mit Messungen, nicht mit Daten. “
Wir lernen:
in eine Wettersimulation gehen keine Messungen ein
Wir haben keine Daten
Zu 1.: Natürlich basieren Wettersimulationen auf Daten, nicht umsonst umkreisen uns haufenweise Satelliten und umgeben uns hunderte von Wetterstationen
Zu 2.: sprach Herr Schirrmacher nicht gerade von einem ” Schwarm von Daten”?
Den Unsinn, dass keine Daten erhoben wurden habe ich jetzt gar keine Lust mehr zu dementieren, dazu haben der Spiegel und Telepolis schon genug geschrieben. Das dumme an Empirie ist eben, dass man erst messen kann, wenn man den Forschungsgegenstand vor der Nase hat. Und dass man bei so einem Ereignis eben nicht sofort alle Werkzeuge zur Verfügung hat, ist nicht verwunderlich.
Anstatt sich darüber zu freuen, dass wir heute in der Lage sind, jenseits der Kaffeesatzgrenze Prognosen abzugeben, beschäftigt man sich in er FAZ lieber unkritisch mit der “Wirkung” von Stecknadeln.
Während man sich mit Vernunft und Denken gegen Esoterikquatsch sehr gut zur Wehr setzen könnte, erstarrt man lieber vor der Naturwissenschaft, und fühlt sich ihr ausgeliefert:
“Das hat damit zu tun, dass die Simulation ihre eigenen sozialen Algorithmen produziert. Der Ermessensspielraum liegt für alle beteiligten Behörden bei Null.Es sind Menschen, aber im Grunde müssen sie handeln wie die Algorithmen, die bei der Finanzkrise eine Vielzahl von Marktreaktionen auslösten, weil es die Parameter erzwangen.”
Weder die Finanzkrise, noch das Flugverbot wurde von Maschinen erzwungen. Die Enscheidungen wurden von Menschen getroffen.
Die Wetterdaten basieren auf ”echten” Messungen, die von unbestechlichen Messgeräten erhoben werden.
Wirtschaftssimulationen haben zum Teil ideologisch gefärbte Grundannahmen (Homo oekonomicus) und basieren oft auf Umfragen, deren Datenqualität nicht mit harten physikalischen Daten mithalten kann. Die weiter aufgeführten Probleme des Dataminings unserer persönlichen Daten haben erst recht nichts damit zu tun.
Hier haben wir das alte Problem. Man kann mit einem Messer Gemüse schnibbeln, oder einen Menschen umbringen.
Nur weil wir jetzt ein neues Messer haben, wird unsere Gesellschaft nicht zu Massenmördern.
“Nur Gestrige können glauben, dass in der Skepsis gegen diese neue Macht die Sehnsucht nach vorindustriellen Zeiten steckt. Es geht vielmehr darum, gegen die Welt der Computer Instanzen des Einspruchs zu etablieren, den Widerspruch, der sich einzig und allein aus Empirie und Intuition speisen kann, als Aufgabe moderner Gesellschaften zu erkennen. Tun wir das nicht, fliegt bald gar nichts mehr.”
Wir müssen niemandem widersprechen, wir müssen nur die Aussagekraft der Ergebnisse von Berechnungen beurteilen lernen. Viele Menschen, gerade die älteren, oder später mit Computer befassten Menschen, bzw. die digital visitors (Peter Kruse) scheinen Angst, oder eine gewisse Ehrfurcht vor Computern zu haben. Dies führt bei vielen dazu, Computer wie eine Autorität anzusehen.
Autorität, die sich nicht auf Wertschätzung, sondern auf Angst und Ehrfurcht gründet, war noch nie gut.
Wir müssen uns nicht gegen die Computer wehren, sondern wir müssen sie entmystifizieren, und sie als das sehen, was sie sind.
Dumme Rechenknechte.
Leider wird in den Feuilletons immer noch die Technik beschimpft (das Internet, die Computer, das Handy,die Blogs, ….) und nicht der Umgang mit ihr. Auch wenn es einfacher ist, als Opfer der Technik rumzuheulen, wäre es sinnvoller, Aufklärung zu betreiben, sich Schlau zu machen, und selbst mitzugestalten.
Schirrmacher hätte eher schreiben sollen:
Plötzlich sind wir alle Gaffer
Das hätte es besser getroffen.
Dies ist ein Crosspost und steht auch auf parteispenden24.de, was ich mit Thomas zusammen beschreibe
-No comment-