Multimeinungskuschelkurs

Warum die aktuell von der BILD losgetretene Debatte um die Meinungsfreiheit Unsinn ist, haben  Antje Schrupp, Sixtus, holgi und Michael Spreng sehr gut erläutert.

Man kann das ganze auch abkürzen, und einfach mal das Grundgesetz zitieren:

Artikel 5 Grundgesetz Absatz 1

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Wenn jemand diese Rechte in den letzten Tagen wahrgenommen hat, dann war es Sarrazin, die Presse, der Rundfunk und das Fernsehen. Sarrazins Buch wurde nicht verboten und er sitzt auch nicht im Kerker des Verfassungsschutzes.

Foto von http://www.piqs.de/user/marksma/ http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/

Man könnte aber die Kritik der angeblichen Verkünder unbequemer Wahrheiten auch einmal auf sie selbst anwenden. Warum  nicht Henryk M. Broders Kritik der reinen Toleranz auf den Schwachfug von Sarrazin anwenden? Warum muss ich jede noch so abwegige Meinungsäußerung einfach so unwidersprochen hinnehmen?  Individuelle Freiheit impliziert auch Verantwortung  für das eigene Handeln. Jemand der sagt: “Das ist ja nur meine Meinung” will entweder nichts mit dieser erreichen, oder versucht sich prophylaktisch gegen Kritik zu wehren.

Wir brauchen keinen “Multimeinungskuschelkurs”. Jeder darf sagen was er will, aber ein Recht auf Kuscheln hat er damit nicht erworben.

2 Gedanken zu “Multimeinungskuschelkurs

  1. Der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger sagt zur Sarrazin-Debatte:

    „Im Kern geht es um das Selbstwertgefühl der linksliberalen Minderheit der Bevölkerung, die lange an die Idee der multikulturellen Gesellschaft geglaubt hat. Sie steht, wenn man die Probleme des Landes mit seinen Muslimen ernst nimmt, vor den Trümmern ihres Weltbildes, das sie gegen einen informierten Kritiker verteidigt.”

    Und weiter:
    „Der eher konservative Teil der Gesellschaft findet indes zunehmend, dass die Meinungsfreiheit in unserem Land de facto beschnitten würde: Martin Hohmann, Eva Herman, die Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche. Täuscht diese Wahrnehmung?“

    „Wir sind tatsächlich nicht in der Lage, bestimmte Sachfragen in der Öffentlichkeit mit Distanz und Gelassenheit zu diskutieren. Wir gehen sofort dazu über, Personen mundtot zu machen, die nicht konsensfähige Fakten präsentieren oder Meinungen äußern. Das steht im eklatanten Widerspruch zu dem Grundprinzip einer liberalen Demokratie.“

    http://www.kepplinger.de/files/images/Im_Kern_geht_es_um_das_linksliberale_Selbstwertgefuehl_0.pdf

  2. @marti
    Es hat nichts mit Selbstwertgefühl zu tun, Sarrazins Unsinn als solchen zu entlarven. Kritik, ja auch unsachliche, ist auch eine Meinung. Auch Sarrazin muss unbequeme Wahrheiten aushalten. Der biologistische Unsinn von Herrn Sarrazin ist keine “Sachfrage”, die man mit Gelassenheit diskutieren muss.
    Wer laut Brüllt, seine Fakten nicht auf eine solide Basis stellt, darf keine Samthandschuhe erwarten. Liberale Demokratie heißt nicht, dass man Austeilen kann, ohne einstecken zu müssen. Das Leben ist kein Ponyhof. Niemand versucht Sarrazin Mundtot zu machen, im Gegenteil, er ist in aller Munde.

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