Öffentlich rechtliche Pressestelle oder Journalismus?

Man mag mich ja für dumm und naiv halten, aber ich hatte bis jetzt zumindest halbwegs vertrauen darin, dass die öffentlich rechtlichen Sender ihre Nachrichten halbwegs selbstbestimmt verfassen. Nach dem Fall Sonneborn hege ich da berechtigte Zweifel. Sollte der Pharma-Lobbyist wirklich solch hündischen Journalismus gewohnt sein, dann frage ich mich, wie das in anderen Fällen so abläuft.

Nun hat gestern Horst Köhler Christopher Ricke vom Deutschlandfunk ein Interview gegeben, und dort Dinge gesagt, die im Nachhinein wohl doch nicht so öffentlich werden sollten, woraufhin der Deutschlandfunk kurzerhand die Passage aus dem Interview entfernte (siehe Update) . Zugegeben, die Authorisierung bei schriftlichen Interviews halte ich in begrenztem Umfang noch vertretbar, weil auch Journalisten manchmal zugunsten ihrer Agenda das gesprochene Wort etwas “kreativ” in Worte fassen. Bei Hör- oder Fernsehberichten hat so etwas aber nichts zu suchen, weil es da nichts zu interpretieren gibt. Ich halte den öffentlich rechtlichen Rundfunk für sehr wichtig und ich zahle gerne meine Gebühren, aber nicht für eine Universalpressestelle für Interviewpartner.

Zum Glück hat das Deutschlandradio noch eine Version im Netz gelassen, welches den herausgeschnittenen Teil noch enthält. Allerdings fehlt darin die zweite Frage aus dem offiziellen Transkript (via stackenblochen

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Ich habe mal die herausgeschnittene Stelle extrahiert und transkribiert (herausgeschnittene Stelle in Rot)

Ricke: In der politischen Debatte wird auch darüber nachgedacht, ob das Mandat, das die Bundeswehr in Afghanistan hat, ausreicht, weil wir uns inzwischen in einem Krieg befinden. Brauchen wir ein klares Bekenntnis zu dieser kriegerischen Auseinandersetzung?

Köhler: Nein, wir brauchen einen politischen Diskurs in der Gesellschaft, wie es kommt, dass Respekt und Anerkennung zum Teil doch zu vermissen sind, obwohl die Soldaten so eine gute Arbeit machen. Wir brauchen den Diskurs weiter, wie wir sozusagen in Afghanistan das hinkriegen, dass auf der einen Seite riesige Aufgaben da sind des zivilen Aufbaus, gleichzeitig das Militär aber nicht alles selber machen kann, wie wir das vereinbaren mit der Erwartung der Bevölkerung auf einen raschen Abzug der Truppen. Und aus meiner Einschätzung ist es wirklich so, wir kämpfen dort auch für unsere Sicherheit in Deutschland. Wir kämpfen dort im Bündnis mit Alliierten auf der Basis eines Mandats der Vereinten Nationen. Alles das heißt, wir haben Verantwortung. Ich finde es in Ordnung, wenn in Deutschland darüber immer wieder auch skeptisch mit Fragezeichen diskutiert wird. Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe
mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall, auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen, negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden, und ich glaube, wir sind auch einem nicht so schlechten Weg.
Ich glaube, dieser Diskurs ist notwendig, um einfach noch einmal in unserer Gesellschaft sich darüber auszutauschen, was eigentlich die Ziele dieses Einsatzes sind. (dieser letzte Satz fehlt in der Langversion).

Ricke: Muss sich Deutschland daran gewöhnen, dass Soldaten, die in einem bewaffneten Konflikt stehen, manche nennen es einen Krieg, auch tot aus dem Einsatz nach Deutschland zurückkommen?

Köhler: Wir haben ja leider diese traurige Erfahrung gemacht, dass Soldaten gefallen sind, und niemand kann ausschließen, dass wir auch weitere Verluste irgendwann beklagen müssen. Ich hab mich davon überzeugen können in Masar-i-Scharif, dass von der Militärischen Führung wirklich jede Professionalität und Gewissenhaftigkeit, sowohl in der Frage der Ausbildung, als auch der Ausrüstungsbedürfnisse vorhanden ist. Aber es wird wieder sozusagen Todesfälle geben, nicht nur bei Soldaten, möglicherweise auch durch Unfall, mal bei zivilen Aufbauhelfern. Das ist die Realität unseres Lebens heute. Man muss auch um diese Preis, sozusagen, seine, am Ende Interessen, wahren. Mir fällt das schwer, dies so zu sagen, aber ich halte es für unvermeidlich, dass wir dieser Realität ins Auge blicken. Deshalb halte ich es auch nach der Diskussion über den Begriff “Krieg” oder “kriegsähnlichen Zustand” oder “bewaffneter Konflikt” für ganz normal,wenn die Soldaten in Afghanistan von Krieg sprechen, und ich habs auch für normal gehalten,dass ich auch im Gespräch mit ihnen dann nicht (ei)ne verkünstelte andere Formulierung gewählt habe.

Update: Immerhin hat Deutschlandradio eine Meldung daraus gemacht, ohne den genauen Wortlaut zu zitieren.

Ergänzung: Bei Rechtsanwalt Markus Kompa habe ich gerade ein Video vom 29.11.2009 entdeckt, in welchem unser Bundeshorst Deutschlands Hegemonialansprüche in alter Tradition auch gesanglich zum Ausdruck bringt.

Update: Das Deutschlandradio hat Stefan Graunke bei unpolitik.de geantwortet, Demnach  wurde

Dieses Interview wurde in zwei Versionen ausgestrahlt, in einer gekürzten im Deutschlandfunk

[..]

und in voller Länge im Deutschlandradio Kultur

Interessanterweise stand gestern im Transkript der Langversion nur die gekürzte Fassung, im Suchindex war die Langversion aber schon/noch vorhanden (Update 3). Das volle Transkript ist mittlerweile wieder da. Somit könnte es auch einfach Schlampigkeit der Redakteuere sein. Seltsam ist trotzdem, dass man ausgerechnet solch brisante Passagen einer Kürzung unterzieht.

Update: Jetzt berichtet auch Spiegel Online darüber.



Im Tal der Namenlosen

Ich wage mal ein Experiment und versuche den Feuilleton Artikel der Rubrik “Digitales Denken” der FAZ von Morgen schon mal vorzuschreiben.

Die Endgültige Abschaltung der Manuellen Vermittlung durch das Fräulein vom Amt vor fast 44 Jahren  ist der Beginn der vollständigen  Entmenschlichung des Kommunikationsweges. Während Briefe immer noch von Menschen zugestellt, Radio- und Fernsehnachrichten von Menschen vorgelesen und Zeitungen immer noch von Zeitungsausträgern in unsere Briefkästen wandern, so übernehmen seither fast vollständig Maschinen unsere fernmündliche Kommunikation.

Fernsprechamt in Stettin im Jahre 1892

Fernsprechamt in Stettin im Jahre 1892 (wikipedia)

Zunächst übernahmen Elektromechanische Vermittlungsstellen diese Aufgabe, welche die flinken Hände der nun arbeitslosen Fräuleins durch kalte eiserne Drehwähler ersetzen. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Ab den 80er Jahren wurden diese immerhin noch stofflich greifbaren Verbindungsroboter nach und nach durch Computer ersetzt, die fortan nur noch ihren Algorithmen folgen. Und schlimmer noch, das vormals analoge Signal des Gegenübers wird mit digitaler Gewalt in Computergerechte Häppchen zerteilt, und am anderen Ende wieder zusammensimuliert, ganz nach dem Glaubensbekenntnis der Informatiker: divide et impera. Das einzig analoge, was uns noch geblieben ist, ist das Telefonbuch, auch wenn es mehr und mehr durch Onlineversionen wie telefonbuch.de ersetzt wird.

Was passieren kann, wenn man das Telefonbuch den Algorithmen überlässt, konnte man heute Nachmittag erleben. Einige Computer der für die deutschen Internetdomains zuständigen Organisation DeNIC, welche das deutsche “Internettelefonbuch” betreibt,  lieferten fehlerhafte Angaben, so dass viele Internetseiten nicht mehr aufgefunden werden konnten. Ein Harmloser Umzug einiger Dienste von Amsterdam nach Frankfurt stürzten das Internet ins Chaos. Die vielbeschworene Dezentralität des Internets versagte, da die Algorithmen aller “Telefonbücher” (DNS)  ihren Vorgesetzten Computern (.de Server der DeNIC)  blind vertrauten, und diese Fehlinformation weiterverbreiteten. Ähnlich wie Twitter, Blogs und Facebook fehlt ihnen eine Art journalistische “Ausbildung” um nicht alle Information ungefragt weiterzugeben. Das gute Fräulein vom Amt hätte damals sicher nochmal nachgefragt, wenn heise.de aus dem Telefonbuch verschwunden wäre. Wir müssen uns also fragen, ob wir neben dem Qualitätsjournalismus auch einen Qualitäts-DNS brauchen, nicht zuletzt, weil google auch auf diesem Markt dabei ist, ein Monopol aufzubauen. Dies kann aber nicht kostenlos sein, so dass auch über ein Leistungsschutzrecht für Qualitäts-DNS-Einträge nachgedacht werden sollte.